Fragen und Antworten

Baltzar von Platen erzählt vom Bau des Göta-Kanals.
"Jedes Mal, wenn ich einen Blick auf die schwedische Landkarte warf, war ich überrascht, daß es keinen Kanal gab, der die Meere im Osten und Westen verbindet. Ein Kanal würdesowohl den Handel erleichtern, als auch für das schwedische Militär Vorteile bringen.


Bereits im Jahr 1808 war der britische Ingenieur Thomas Telford in Schweden und half mir beim Abstecken des Verlaufs des Göta-Kanals. Dafür brauchten wir 21 Tage. Aber erst als ich im Jahr 1810 die Sondergenehmigung vom König erhielt, konnte ich wirklich mit dem Bau anfangen.

Frage Baltzar

Wir begannen mit dem Sprengen und Graben bei Forsvik und Motala. In Forsvik ist noch heute die älteste Schleuse des Kanals.
Für den Bau wurden viele Arbeiter gebraucht, und 1812 waren wir 7000 Personen, die mit Graben, Sprengen und Wegtransportieren von Erde beschäftigt waren. Am Ende hatten die Männer einen 87,3 Kilometer langen Kanal gegraben, und das grösstenteils von Hand mit Holzschaufeln die mit Eisen beschlagen waren, und ausserdem 8 Millionen Kubikmeter Erde wegtransportiert.

Die meisten meiner Arbeiter waren Indelta-Soldaten; 58 000 wurden zu verschiedenen Zeitpunkten zum Bau einberufen. Aber auch Zivilpersonen und eine kleine Schar von 200 russischen Deserteuren arbeiteten Seite an Seite mit den Soldaten. Um die Männer bei Laune zu halten, erhielten Sie 14 Flaschen Branntwein zu ihrer Wochenration. Bei großer Kälte konnten nämlich sowohl Finger als auch Füße erstarren.

Gründung der Motala Werkstatt
In Schweden war es mit der Maschinenbauindustrie nicht weit her, bevor wir mit dem Bau des Kanals begannen. Wir importierten sowohl Bagger als auch Wagen aus Großbritannien, unbezahlbar war aber das Wissen, das die Briten an uns weitergaben.

Es half bei der Gründung der Werkstatt in Motala, eine Werkstatt, die unsere Bedürfnisse decken sollte. Später wurde die Werkstatt für ihre Gußeisentechnik berühmt. Zusammen haben der Bau des Göta-Kanals und die Werkstatt in Motala mehrere berühmte schwedische Ingenieure ausgebildet. Nils und John Ericsson, Gottfried Kockum und C G Bolinder sind einige von ihnen.


Die Einweihung des Kanals
Das Gefühl bei der Einweihung der Västgötaseite im Jahr 1822 war unbeschreiblich. Von seiner Majestät Carl XIV Johan wurde ich mit dem Serafimerorden geehrt. Leider konnte ich zehn Jahre später, bei der Einweihung der Östergötland-Strecke nicht dabeisein. Damals war ich schon drei Jahre lang tot. Aber mein Kanal lebt weiter, genau wie meine Devise: ”Du kannst, was Du willst! Und wenn Du sagst, daß Du nicht kannst, dann willst Du nicht.”

Im Jahr 2000 wurde der Göta-Kanal von der Zeitung Byggindustri (Bauindustrie) zum Schwedischen Bauwerk des Jahrtausends ernannt. Die Wähler waren die schwedische Bevölkerung. Mein einstiger Traum ist wahr geworden: Heute ist der Kanal eines der größten und wichtigsten kulturhistorischen Bauten Schwedens.


Wie bekommt man wieder Wasser hinein, wenn man die Schleuse zum Hereinholen der Boote geleert hat?
Er wird durch den natürlichen Strom wieder von der Seite her angefüllt. Es wird kein Wasser hineingepumpt. In Västergötland füllt der See Viken den Kanal an, und in Östergötland kommt das Wasser vom Vättern-See. Der Kanal geht auch an anderen Seen vorbei, die als Wasserspeicher fungieren. 


Warum hat man den Kanal so kurvig gebaut?
Man folgte den natürlichen Höhenlinien, damit die eine Seite als "Wand" benutzt werden konnte. Dadurch reichte es, nur an einer Seite des Kanals einen Damm zu bauen.

Warum wurde ein Kanal gegraben, wo es doch gleich daneben Wasserläufe gibt?
Auch in die natürlichen Wasserläufe hätte man Schleusen einbauen müssen. Es ist viel schwieriger, Schleusen zu bauen und zu reparieren, wenn man natürliche Gewässer aufstauen muß. In natürlichen Wasserläufen variiert der Wasserstand auch stark, was speziell bei Schleusen Probleme bereitet.

Wieviel Wasser hat in einer Schleuse Platz?
Aufgrund der verschiedenen Schleusentiefen ist das etwas verschieden. Das hängt damit zusammen, daß die Höhenunterschiede variieren. Man pflegt zu sagen, daß eine ”durchschnittliche” Schleuse ungefähr 750 Kubikmeter Wasser (1 m3 = 1000 l) beinhaltet.


Die Bedeutung des Kanals
Die Entwicklung der modernen Maschinenbauindustrie ist wahrscheinlich die wichtigste Bedeutung, die der Kanal für das Land hatte. Bei Motala Verkstad erhielten zukünftige Ingenieure und Werkmeister eine Ausbildung in modernem Maschinenbau. Hier wurden bedeutende Kenntnisse in der Gußeisentechnik entwickelt, welche dem Lande zugute kamen. Gleichzeitig wuchs Motala zu einer modernen Industriestadt heran.

Die Festung Karlsborg wird als eine direkte Folge des Kanalbaus betrachtet. Als Schweden 1809 Finnland verloren hatte, war man der Meinung, das Stockholm zu ungeschützt und zu nahe dem Feindesland lag. Was es bei einem Krieg zu schützen galt, Waffen, Gold, die königliche Familie, die Regierung usw., wäre in einer starken Festung im Landesinneren sicherer. Der Kanal machte den Transport dorthin möglich.

Der Bau der Festung Karlsborg dauerte fast 100 Jahre, 1820-1909, aber sie wurde trotzdem nie ganz fertig und sie wurde nie für ihre ursprüngliche Aufgabe benutzt. Während des 2. Weltkriegs wurden hier die Goldreserven aufbewahrt. Heute haben die Husaren des Leibregimentes, K3, die Fallschirmjägerschule und die Überlebensschule der Streitkräfte ihr Quartier in der Festung. Außer den militärischen Einrichtungen gibt es auf dem Festungsgelände zivile Wohnungen, Geschäfte, Café und Museum. Der Kanal ist heute eines der zugkräftigsten touristischen Warenzeichen Schwedens.

Raffinierte Lösungen
Was die Konstruktion des Kanals betrifft, ist es besonders beeindruckend, auf welch geniale, aber doch simple Art verschiedene Probleme gelöst worden sind. Nehmen wir z. B die Stemmtore her. Das sind Tore, die immer bei mehreren Stellen des Kanals offenstehen.

Mit ihnen hatte man zwei Absichten. Sollte der Kanal einstürzen, sollen sie automatisch durch die Saugwirkung geschlossen werden. Dadurch wird nur eine kurze Strecke entleert und das Unglück kann minimiert werden.

Die Funktionstüchtigkeit dessen wurde 1847 unter Beweis gestellt, als der Hochdamm in Venneberga nicht mehr hielt. Nur 100 Meter entfernt schloß das Stemmtor. Die zweite Absicht ist, um für Reparaturzwecke kürzere Abschnitte des Kanals leeren zu können.

Beim Bau des Kanals mußten sowohl Bäche als auch größere Flüsse überquert werden. Dieses Wasser wollte man aber nicht im Kanal haben. Es erschwert zum Teil das Regulieren des Wasserstandes. Das Frühjahrshochwasser würde die Schleusen ziemlich schnell anfüllen. Teils würde gemeinsam mit dem Wasser viel Schlamm eindringen, der den Kanal zu wenig tief machen würde.

Darum gibt es ein beeindruckendes System mit Seitengräben (Gräben) und gepflasterten Abwasserkanälen unter dem Kanal, die das Wasser zu anderen Flüssen ableiten. Manche der Abwasserkanäle sind mannshoch.

 


Das Öffnen eines Tores
Um ein Tor öffnen zu können, muß der Wasserstand auf beiden Seiten genau gleich sein. Schon ein Unterschied von nur fünf Zentimetern führt dazu, daß der Druck auf die Tore zu groß wird und Schäden entstehen können. Die Becken werden durch Schotten in den Toren, die nach oben hin geöffnet werden, angefüllt. Die ersten Tore wurden mit Hilfe großer Schranken geöffnet, die nach vor geschoben wurden. Solche kann man beim oberen Tor in Klämman sehen. Bereits im Jahr 1847 hatten alle Tore in Östergötland Seilrangierwinden mit Zacken, was die Arbeit entscheidend erleichterte. Das untere Tor in Klämman zeigt solche Tore. Sie sind außerdem bei den Schleusen von Borensberg und Tåtorp zu finden.
1969 wurden die Tore abermals modernisiert. Dabei wurden unter anderem bei den Siebenschleusen in Berg Elektromotore an den Zuggurtungen befestigt. Neun Jahre später wurde die Hydraulik eingeführt, und seit 1988 werden im Prinzip alle Schleusen hydraulisch angetrieben.

Wie man ein Tor gießt
Zu Beginn bestanden alle Tore aus Gußeisen oder Holz. In den Siebzigern wurden mehrere davon durch geschweißte Stahltore ersetzt, die heute im nachhinein mit Toren aus Gußeisen ersetzt werden. Die Maße der Tore variieren, es wäre aber viel zu kostspielig, für jedes Tor ein neues Gußmodell zu bauen. Statt dessen versucht man, die Modelle mit Hilfe dezimetergroßer Paßstücke zu bauen. Die Modelle werden von einer Tischlerei in Kristinehamn hergestellt, und die Tore werden in Mölltorp gegossen. Die Kosten belaufen sich auf ungefähr eine halbe Million kronen pro Paar.

Die Schleusentreppe in Berg